Am 23. Septemper 2000 wurde in Sierning-Letten unweit der ehemaligen Wohnung von Familie Breirather der neue Gemeindekindergarten eingeweiht.

Er trägt den Namen
"Sidonie".


Vor dem Kindergarten steht das Denkmal des Steyrer Bildhauers Gerald Brandstötter:. Das Kind hält die Kugel - Symbol für die Welt, das Leben auf ihr und die nachkommenden Generationen. Die Mutterfigur beugt sich schützend über Kind und Kugel. Aus diesen drei Elementen formt sich, ausgehend vom Ursprung der Kugel, die Lebensspirale.

Das Denkmal wird von den Kindern gerne angenommen.
Im Hintergrund (neben der Plastik) Gerald Brandstötter, Bildhauer.

Folgende Inschrift erinnert beim Denkmal im Kindergarten an Sidonie Adlersburg:

"Dieser Kindergarten der Marktgemeinde Sierning entstand im Gedenken an das Roma-Mädchen Sidonie Adlersburg.
Sidonie verbrachte ihre ersten zehn Lebensjahre in Letten bei der Familie Josefa und Hans Breirather, die sich liebevoll ihrer angenommen hatten. 1943 wurde Sidonie im Konzen-
trationslager Auschwitz ermordet.
Mit ihr ehren wir alle Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns”

Das Bild links zeigt Paula Breirather
bei der Enthüllung des Sidonie-Denkmals


Erich Hackl in seiner Rede anlässlich der Kindergarten-Einweihung (Auszüge):

“Alle kennen Sidonie Adlersburg, auch wenn bis auf Hilde Polterauer, die als ihre Schwester aufgewachsen ist, kaum jemand der hier Anwesenden persönliche Erinnerungen an sie hat: Sidonie, ein Mädchen, das seine ersten zehn Lebensjahre hier in Letten zugebracht hat, ehe es von den nationalsozialistischen Behörden seinen Pflegeeltern, dem Ehepaar Hans und Josefa Breirather, entrissen und im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Das ist lange her, länger als ein halbes Jahrhundert.
Sidonie - Sidi - wäre heute 67 Jahre alt, Großmutter oder gar Urgroßmutter, die ihre Urenkel hierher begleitet, in den neuen Kindergarten, oder am Nachmittag abholen kommt.

Was lange her ist, ist deshalb noch nicht verschwunden. Der amerikanische Schriftsteller William Faulkner hat einmal gesagt, das Vergangene ist nicht vorbei, es ist nicht einmal vergangen, und dieser Satz trifft auch auf Sidonie zu, auf ihr Leben und auf die Umstände ihres frühen gewaltsamen Todes - Sidis Geschichte gehört zu unserer Gegenwart und zu diesem Ort, an dem sie geatmet, gespielt, gelacht und geweint hat. An dem sie müde war oder fröhlich oder traurig oder ängstlich. Ein paar Steinwürfe weit von hier, im Haus an der Lettenstraße hat sie gewohnt, und von den vielen Erinerungen, die ihre Pflegemutter Josefa Breirather und ihr Ziehbruder Manfred zeitlebens behalten haben, will ich nur zwei oder drei in Erinnerung rufen, dennn die Zeit ist knapp und die Prominenz drängt nach Hause. ...

... Die zweite Erinnerung stammt ebenfalls von Fred, sie betrifft den letzten Tag Sidonies zu Hause, bei ihrer Pflegefamilie. Der 29. März 1943 war ein schwerer Tag, der schwerste im Leben von Hans und Josefa Breirather, denn sie ahnten, was Sidi bevorstand, mußten ihre Verzweiflung aber vor dem Kind geheimhalten. Jemand, die gute Frau Hinteregger oder eine von Josefas Tanten, hatte Sidi einmal eine Halskette geschenkt, und Fred fragte nun seine Mutter, ob er dieses Ketterl denn nicht haben könnte, jetzt wo Sidi wegkommt. Seine Mutter wies ihn zurecht, oder vielleicht schaute sie ihn auch diesmal einfach nur stumm an, und das genügte.
Fred hat geweint, als er diese Episode - viele Jahre später - erzählte, ich hab`die Tränen in seinen Augen gesehen, Tränen des Erinnerns an den Verlust seiner Schwester, aber auch Tränen der Scham über sich selbst, weil er seiner Ansicht nach falsch gehandelt hatte und ich frage, warum war Fred, gerade er, der einzige in Letten und Sierning, der fähig war sich zu schämen. ....

Wer der hier Anwesenden kann die Gefühle von Versagen und Scham begreifen? Jeder und jede. Das sind sehr gegensätzliche Gefühle, Gefühle, die auch in der Zukunft - gleich welcher - noch empfunden werden. Deshalb ist es wegweisend, dass der Kindergarten den Namen eines Kindes trägt - eines sehr zerbrechlichen weil schutzlosen Wesens.

Scham, Schuld, Schmerz. Das sind Empfindungen, die jedem Menschen eigen sind, ja die zum Menschsein gehören wie die angenehmen Seiten unseres Lebens, Freude, Zufriedenheit, Erfüllung. Weder das eine noch das andre ist vergangen, es begleitet unsere Gegenwart, die der Erwachsenen und die der Kinder, die dieses Gebäude mit Leben füllen und die so leben mögen, wie Sidonie gelebt hat, mit solchen Eltern und Geschwistern, die fähig sind zur Fürsorge und mutig genug, sich zu schämen.”


Manfred Breirather vor dem
Denkmal-Modell,
Juni 1999

Manfred Breirather verstarb am 4. Oktober 1999.

Mit ihm haben wir einen lieben Freund verloren. Uns bleibt die Erinnerung an ein kurzes Stück Lebensweg, auf dem wir Manfred
in tiefer Verbundenheit begleiten konnten.

 

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